Teure Pillen ohne Nutzen - Patienten in Gefahr


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Eine neue Studie, von der Krankenkasse "Barmer GEK" in Auftrag gegeben, kommt zu einem vernichtenden Urteil über teure Medikamente. Die Krankenkasse hatte dem Bremer Versorgungsforscher Gerd Glaeske, der einen guten Ruf in der Branche besitzt, den Auftrag erteilt, einen Arzneimittelreport zu schreiben.

Glaeske kritisierte, dass die 30 umsatzstärksten Arzneimittel, deren Nutzen nicht überprüft worden sei, die aber schon lange auf dem Markt sind, nicht nachträglich überprüft werden könnten, weil nämlich die Grosse Koalition diese Überprüfung gestrichen hat, weil sonst angeblich mit einer Klage von der Pharmaindustrie zu rechnen sei. Das will mir nicht in den Kopf. Die Regierung fürchtet eine Klage der pharmazeutischen Industrie, nur weil man Medikamente nachträglich untersuchen will, ob sie den Patienten auch wirklich helfen? Was ist das denn für ein Schwachsinn? Anders ausgedrückt, die starke Lobby hat sich durchgesetzt und an den Strippen der Regierungs-Hampelmänner gezogen.

Dem Report kann man entnehmen, dass die am meisten verkauften teuren Medikamente nicht besser sind, als ältere, wesentlich günstigere Medikamente, sondern teilweise sogar schlechter und somit gefährlicher für den Patienten. Neu auf den Markt kommende Mittel sollen allerdings auf ihren Nutzen hin bewertet werden. Wie das ausgehen wird, lässt sich denken. Werden die meisten Tests doch eh von Gutachterfirmen vorgenommen, die ausschliesslich Gutachten für die Pharmariesen erstellen und so in einem direkten Abhängigkeitsverhältnis stehen.

Nehmen wir einige Beispiele aus dem Arzneimittelreport: Glaeske kritisiert unter anderem das Arzneimittel "Xarelto", ein Mittel gegen Blutgerinnung, welches zur Zeit im Übermass verordnet wird. Dabei sei die Einnahme des Medikamentes mit hohen gesundheitlichen Risiken verbunden. In dem Medikament befindet sich der Wirkstoff "Rivaroxaban". Innerhalb eines Jahres ist der Umsatz dieses Medikamentes um rund 200% auf 280 Millionen Euro gestiegen und hat dazu beigetragen, dass die Todesfälle drastisch zugenommen haben! Die Firma Beyer, die dieses Medikament herstellt, bestreitet die negativen Folgen des Gerinnungshemmers. Es sei irreführend, zu behaupten, Xarelto sei problematisch. Schliesslich habe Xarelto in klinischen Studien - natürlich von Beyer gesponsort - bewiesen, dass es Patienten helfe und ihnen Schutz vor schwerwiegenden Blutgerinnseln biete.

Glaeske warnte auch davor, zu hohe Dosen an Magenmitteln zu verschreiben für Patienten, die auf Grund von Mehrfachmedikation diese zum Schutz des Magens gegen Magensäure einnehmen müssten. Dies könnte für die Patienten schlimme Folgen haben.

Glaeske zufolge könnten durch die Einsparung gefährlicher und überteuerter Medikamente rund vier Milliarden Euro jährlich eingespart werden. Dazu müssten die Ärzte aber Generika, das sind Nachahmerprodukte, deren Patente abgelaufen sind, verschreiben. Natürlich kommt vom Verband der forschenden Pharma-Unternehmen sofort eine Gegendarstellung (wen wunderts), in der die Forderung der Krankenkasse kritisiert wird. Natürlich will man sich seine fetten Pfründe mit Medikamentenmüll nicht entgehen lassen. Wen stört es schon, wenn dabei ein paar Patienten verrecken. Die Hauptgeschäftsführerin des Pharmaverbandes Birgit Fischer sagte der Nachrichtenagentur dpa, dass sich die Autoren des Arzneimittelreports den Vorwurf auf die Fahne schreiben müssen, die gute Patientenversorgung und die Forschung für neue Medikamente aufs Spiel zu setzen. Was sie der dpa nicht sagt, dass die meisten neu entwickelten Medikamente lediglich Scheininnovationen sind, die nicht nur teuer und überflüssig seien, sondern keinerlei Wert für den Patienten hätten. Im Gegenteil, manche dieser Scheininnovationen sind sogar gefährlich für die Patienten. Damit die Pharmaindustrie an den Patienten noch mehr Milliarden verdient, hat zudem die Grosse Koalition den Hersteller-Zwangsrabatt gesenkt, was politisch gewollt zur Preistreiberei führt und damit das gesamte Sozialgefüge gefährdet.

Die Kritik des Pharma-Verbandes ist verständlich, wenn man bedenkt, dass sie hier nicht ihre dreckigen Finger im Spiel hatten. Das Zentrum für Sozialpolitik an der Universität in Bremen geniesst hohes Ansehen und bietet keinerlei Platz für irgendwelche Spekulationen. Die Autoren des Berichts sehen in den Me-too-Medikamenten ein grosses Problem. Ich sage, es ist ein Verbrechen und die Leute müssten in den Knast. Diese Me-too-Medikamente nämlich sind schon vorhandene Medikamente, bei denen die Moleküle einiger Bestandsstoffe leicht verändert werden. Dank der Grosszügigkeit der Regierung bekommen diese scheinbar neuen Medikamente Patentschutz und werden zu drastisch erhöhten Preisen als neue "Wunderwaffe" gegen Krankheiten angepriesen. Einer ersten Bilanz des Gemeinsamen Bundesausschusses zufolge hat nur jedes fünfte neue Medikament signifikante Vorteile gegenüber älteren Medikamenten! Trotz allem duldet die Bundesregierung, dass die Kassen durch die Pharma-Unternehmen ausgeraubt werden und damit eine Preisspirale nach oben in Bewegung gesetzt wird. Ursprünglich war geplant worden, Mittel neu zu bewerten, die vor dem 1. Januar 2011 auf den Markt geworfen wurden und deren Patente noch laufen. Dank der Pharmalobby strich die Grosse Koalition dies jedoch aus dem Koalitionsvertrag.

Anlass zur Kritik gibt ebenfalls ein Epilepsiemittel und zwar handelt es sich um den Wirkstoff Pregabalin, von dem die meisten Ärzte nicht überzeugt sind, dass es auch wirklich wirksam sei. Es gibt dazu mehrere Studien, die nicht belegen konnten, dass es Vorteile für den Patienten hat, das Medikament zu nehmen, obwohl es in der Medikamentenliste als eines der 30 teuersten Medikamente geführt wird. Hier ein Preisbeispiel: eine Tagesration Pregabalin kostet zur Zeit 4,29 Euro. Das gleichwertige Medikament Lamotrigin kostet dagegen jedoch nur 0,73 Euro täglich. Da fragt sich der unbedarfte Patient, wie solche Preisspannen bei identischer Wirkung zustande kommen. In einem Spiegel-Interview im Januar diesen Jahres verteidigte Josef Hecken, der Chef des G-BA seinen Entschluss, keine Neubewertung vorzunehmen damit, dass er befürchte, es könnte eine grosse Klageflut auf sie zukommen. Ausserdem - so sagte er - seien die meisten dieser Medikamente eh in fünf Jahren abgelaufen. Wenn wir also diese vier Milliarden jährlich mal fünf nehmen, dann ergibt das die stattliche Summe von 20 Milliarden Euro, die sich die Pharmaunternehmen mit unwirksamen oder lediglich teilwirksamen Medikamenten in die Tasche stecken.

Es müsste ein neues Gesetz kommen, welches genau regelt, wie neue Mittel bewertet werden, damit sie auf den Markt kommen. Doch so lange die Grosse Koalition am Werkeln ist, wird so ein Gesetz Illusion bleiben.

cornelia warnke 30.05.2014

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